Wie sieht das Kommunale Kino des 21. Jahrhunderts in Stuttgart aus?

Gemeinsam Programmideen entwickeln

Der Verein Neues Kommunales Kino Stuttgart e.V., eine Initiative von 19 Institutionen aus den Bereichen Bildung, Kunst und Kultur, die sich für ein Haus der Film- und Medienkunst in Stuttgart stark machen, lädt ein zum ProgrammMacherTag am 26.11.2011.

Gemeinsam mit erfahrenen Kuratoren hat man die Möglichkeit, das Programm für ein Neues Kommunales Kino in Stuttgart mit zu gestalten. An diesem ProgrammMacherTag sollen in Workshops, Diskussionen und Vorführungen frische Programmideen für ein Kommunales Kinos in Stuttgart ab 2012 entwickelt werden.

Ein im Mai 2010 veröffentlichtes Konzeptpapier bildet die Grundlage der Diskussion. Im Dialog mit der Kulturpolitik, der Kulturverwaltung und den Stuttgarter Bürgern soll das Konzept nun weiterentwickelt werden.

Theater, Tanz, Kunst, Architektur und Film

Für TheatermacherInnen dürfte der Workshop „Innovation & Kontext“ von besonderem Interesse sein (16.30–18.30 Uhr, Literaturhaus Stuttgart). Hier soll unter der Moderation von Kurator Marc Glöde der Frage nachgegangen werden, wie Film mit Architektur, Kunst, Tanz oder Theater interagiert. Welche Rolle spielt dabei ein neues Kommunales Kino? Deshalb hier schnell Wissenwertes zum Einstieg in die Diskussion zusammengefaßt:

The Hitchhiker’s Guide

Sowohl die Vermittlung als auch Präsentation des Mediums Film ist wohl freilich der zentrale Schwerpunkt des kommunalen Kinos. Dringend notwendig, da „weniger als die Hälfte der aktuellen, inländischen Filme eine Leinwand in Stuttgart“ erreichen, wie man im Konzept erfährt. Traurig, oder?

Die zentralen Anliegen, die im Konzept ausgeführt werden, fußen auf folgenden Säulen:

  • Film und Vermittlung
  • Film und Interkulturalität
  • Film und Kontext
  • Film und Innovation

Das Selbstverständnis der kommunalen Kinos, welches im Rahmen des 1. Bundeskongress des Bundesverbandes kommunale Filmarbeit vom 22. – 24. April 2005 im Filmhaus Nürnberg diskutiert wurde, besagt, dass die

„Kommunalen Kinos und Initiativen nicht nur als Schnittstelle zwischen klassischer Filmkunst und Neuen Medien, sondern auch als Vorreiter für neue Veranstaltungsformen“

fungieren.

Experimentelle Weiterentwicklung des Mediums Film und interdisziplinäre Verknüpfung

Der Anspruch, der sich im Konzept unter Punkt „3.4 Bilder entwickeln – Film und Innovation“ nachlesen läßt, ist dementsprechend ehrgeizig:

Das NEUE KOMMUNALE KINO agiert an den Grenzen des Genres Film, Grenzen in die Zukunft und Grenzen zu anderen Kultursparten und nutzt filmgeschichtliche Entwicklungslinien, um aktuelle Trends zu erkennen und einzuordnen. In der experimentellen Weiterentwicklung des Mediums Film und der interdisziplinären Verknüpfung mit anderen Sparten wie Musik, Theater, Tanz, Literatur und Architektur entstehen künstlerische und ökonomische Potentiale für die Stadt Stuttgart. Ob nun mit Computerspiel-Engines Filme gemacht werden (Machinima), sich animierte und reale Filmbilder immer mehr vermengen oder in der Theaterpraxis Bewegtbild-Projektionen zunehmend reale Räume erweitern, das NEUE KOMMUNALE KINO ist ein Ort, an dem frühzeitig und abseits kommerzieller Zwänge konvergente Aufführungs-, Installations- und Medienformen erprobt werden können, die in Folge als Innovationen Eingang in ökonomische Kontexte finden können.

Liest sich toll. Wenn für dieses ehrgeizige Vorhaben hoffentlich letztlich noch ein Name gefunden wird, der diesem Gestaltungswillen Ausdruck verleiht, dann klingt’s auch toll. „Neues Kommunales Kino“ zumindest, finde ich, klingt ein bißchen unsexy. Schon der z.B. noch relativ unscheinbare Name Dortmunder U läßt mehr Freiraum für Assoziationen und sorgt für regionales Wir-Gefühl.

Raum für Aufführungs-, Installations- und Medienformen

Jetzt aber mal Film beiseite und ganz egoistisch Diskussionsraum für Theater: Für im obigen Sinne experimentelle Produktionen aus dem Bereich der darstellenden Kunst bzw. „Aufführungs-, Installations- und Medienformen“, wie es wörtlich genannt wird, klingt es verheißungsvoll, wenn die im Konzept angedeutete Erweiterung in Richtung Medienquartier Stuttgart voranschreitet (vgl. Konzept, Punkt 7). Da huscht beim Lesen der Geist des Fun Palace der Theatermacherin Joan Littlewood und des Architekten Cedric Price vorbei. Doch der Fun Palace ist nie realisiert worden, und das wollen wir im Falle des neuen Kommunalen Kinos freilich nicht.

Sollte es Absicht sein, experimentelle „Aufführungsformen“ hausintern durchführen zu wollen, kann ich aus theaterpraktischer Perspektive nur bescheiden und bestärkend zu bedenken geben, dass man auch den großen Saal, tatsächlich als Freiraum gestaltet, der neben dem „klassischen“ Kinobetrieb eben auch das Experiment ermöglicht. Im Konzept sind die beiden kleinen Räume, die sich flexibel zu einem Raum zusammenfügen lassen sollen, für Medienprojekte vorgesehen. Bieten diese Räume wirklich genügend Platz? (vgl. Konzept, Punkt 6)

In seiner momentanen konzeptionellen Beschreibung gleicht der große Kinosaal, unter theatralen Gesichtspunkten betrachtet, einer Guckkastenbühne. Damit wird eine bestimmte Nutzungsform und altbekannte Aufführungspraxis fast zwangsläufig favorisiert.

Produktionen wie „The Void Story“ von Forced Entertainment lassen sich in einem solchen Rahmen realisieren oder präsentieren, aber für Kombinationen aus Bewegung oder Installation im Raum und Bild bleibt nicht viel Spielraum. Ließe sich dort ein Konzert mit Installation und Bild wie es das Video zum Konzert von „The Great Park“ zeigt, realisieren? Besagtes Konzert fand im Rahmen der Akkumulatornacht(6): Finale A.M.E.R.I.K.A an der Schaubühne Lindenfels statt. Objekte, Installationen und Aktionen verbanden sich mit Film, Musik und Lesungen. Die Schaubühne Lindenfels wurde zum Museumsort.

Zweckmäßig gedacht, dass im Konzept von zum eigenen Profil passenden Partnerprogrammen und Kooperationen mit Kultureinrichtungen gesprochen wird, deren Spielstätten Experimente, die Platz zum Atmen brauchen, wohl eher erlauben. So könnte durch ein kuratorisches Konzept experimentellen Theaterprojekten (auch wenn sie nicht hausintern stattfinden) Raum gegeben werden.

Kluge Vernetzung und Kooperation, die Teil des Gesamtplans ist, kann tatsächlich hilfreich sein. Denn das neue Kommunale Kino als Plattform für neue Formate und Tendenzen verstanden, kann z.B. freien Gruppen den Rücken stärken und als kräftige Stimme sprechen. Es besteht für Projekte an den Schnittstellen zu anderen Disziplinen ein latentes Risiko, durch das Raster der etablierten Förderrichtlinien zu fallen. Und das ist ein doch gewichtiger Aspekt, will man die KünstlerInnen, ob jung oder alt oder mit und ohne Migrationshintergrund, in Stuttgart halten, oder?

Ich wünsche viel Spaß beim Diskutieren und dem Projekt eine Zukunft :).

Aktualisierung 07.03.2012: Der Gemeinderat hat dem Antrag eine Absage ersteilt.

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